ÜBERSICHT

Bonn
09. 12. 2017

Ei­ne An­ge­le­gen­heit mit Stil

Oscar Wil­des Dra­ma „The Im­port­an­ce of Being Ear­nest“ im Eu­ro Thea­ter Cen­tral

Gruppenbild: Cecily (Lili Koehler), Algernon (Quatis Tarkington) und Jack (Ryan Wichert).FOTO: ARCHIV/KÖLSCH

Von E. Ei­ne­cke-Klö­ve­korn

Oscar Wil­de hielt es zu Recht für sein be­stes Stück. „The Im­port­an­ce of Being Ear­nest“ ist das letz­te Dra­ma des iri­schen Dich­ters. Kurz nach der er­folg­rei­chen Urauf­füh­rung 1895 in Lon­don wur­de er we­gen sei­ner Ho­mo­se­xua­li­tät zu ei­ner Zuch­thauss­tra­fe ver­ur­teilt und starb 1900 ge­sund­heit­lich und fi­nanz­iell völ­lig rui­niert mit 46 Jah­ren in Pa­ris. Die Men­schen in sei­ner Ko­mö­die, die in Deutsch­land meis­tens un­ter dem Ti­tel „Bun­bu­ry“ auf die Büh­ne kommt, wol­len nur spie­len und sind so hin­rei­ßend ober­fläch­lich wie sei­ne Fin-de-Sièc­le-Ge­sell­schaft. Um im vik­to­ria­ni­schen Zeit­al­ter zur bes­se­ren So­cie­ty zu ge­hö­ren, be­durf­te es ei­nes gu­ten Na­mens, ta­del­lo­ser Ab­stam­mung und na­tür­lich öko­no­mi­scher Si­cher­heit so­wie ei­ner char­man­ten Er­schei­nung. Wie die al­te La­dy Brack­nell kons­ta­tiert, geht es bei wirk­lich be­deu­ten­den An­ge­le­gen­hei­ten nicht um Auf­rich­tig­keit, son­dern um Stil.

Des­halb hat das Eu­ro Thea­ter Cen­tral das Werk nun in der Ori­gi­nal­spra­che her­aus­ge­bracht und da­für ein fa­bel­haf­tes En­sem­ble aus an­glo­pho­nen Dar­stel­lern ge­fun­den, das al­le wort­spie­le­ri­schen Fi­nes­sen per­fekt be­herrscht. Fast al­le sind neu am ETC, und was die Schwei­zer Re­gis­seu­rin Ma­ri­an­ne de Pu­ry in fünf Pro­ben­wo­chen mit ih­nen er­ar­bei­tet hat, ist ei­ne ech­te Kost­bar­keit. De Pu­ry, seit vie­len Jah­ren dem ETC ver­bun­den, wo sie u.a. 2012 Mo­liè­res „Mal­ade ima­gi­nai­re“ auf Fran­zö­sisch in­sze­nier­te, setzt auf prä­zi­se Per­so­nen­füh­rung und sprach­li­che Raf­fi­nes­se. Der auf zwei Sei­ten vom Pu­bli­kum flan­kier­te Spiel­raum ist re­du­ziert auf zwei So­fas, weiß in der Stadt, mit ge­blüm­tem Über­zug auf dem Land (Set-De­sign: Tho­mas Zieg­ler). Mehr ist nicht nö­tig, da­mit auf Sit­zen und Leh­nen bald toll­küh­ne Be­we­gung herrscht und die ver­ba­len Po­in­ten ih­ren Zünd­stoff ent­fal­ten.

Die jun­gen Her­ren John Wort­hing und sein Freund Al­ger­non Mon­crieff ha­ben sich je­weils ei­ne zwei­te Fi­gur er­fun­den, um ge­le­gent­lich ih­ren lang­wei­li­gen ge­sell­schaft­li­chen Ver­pflich­tun­gen zu ent­flie­hen. Ry­an Wi­chert gibt herr­lich ko­misch den bläss­li­chen Dan­dy John, der ne­ben sei­nem ver­lot­ter­ten fik­ti­ven Bru­der Ear­nest auch noch sei­ne höchst zwei­fel­haf­te Ge­burt vor­zu­wei­sen hat. Qua­tis Tar­king­ton spielt den schil­lern­den Al­ger­non, der sei­nen kran­ken Freund Bun­bu­ry pflegt, wenn er nicht ge­ra­de bei no­blen Tee-Par­tys sei­ner Vor­lie­be für Gur­ken­sand­wi­ches und Muf­fins frönt. Clau­dia Dal­chow bril­liert als sei­ne selbst­be­wuss­te Cou­si­ne Gwen­do­len und als Miss Prism, der einst ei­ne Rei­se­ta­sche fa­tal ab­hand­en­kam. Ent­zü­ckend spielt Li­li Ko­eh­ler das stren­ge Haus­mäd­chen La­ne und die mun­te­re Ce­ci­ly, Johns Mün­del und ver­knallt in Al­ger­non. Nicht all­zu ernst­haft, denn eben­so wie der mit John ver­lob­ten Gwen­do­len geht es den jun­gen Frau­en we­ni­ger um ech­te Ge­füh­le als um ele­gan­te For­mu­lie­run­gen in ih­ren ro­man­ti­schen Ta­ge­bü­chern. Au­ßer­dem be­ste­hen bei­de da­rauf, dass ihr Zu­künf­ti­ger un­be­dingt „Ear­nest“ hei­ßen muss. Bit­te nicht „Ernst“, was völ­lig fal­sche Er­war­tun­gen weckt.

Mit Ro­man­tik nichts am Ro­sen­hüt­chen hat La­dy Brack­nell, un­ge­mein wit­zig ver­kör­pert von dem in Köln le­ben­den Bri­ten To­ny Dun­ham. Die ro­bus­te Da­me sorgt nach zwei­ein­vier­tel Stun­den in­klu­si­ve Pau­se für die Auf­klä­rung der kom­pli­zier­ten Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis­se. Wirk­lich hart für John, ge­nannt Jack, der plötz­lich be­greift, dass er sein Le­ben lang wi­der Wil­len die Wahr­heit ge­sagt hat. Zwei­fel­los ein Ver­bre­chen ge­gen die ab­sur­de Schein­haf­tig­keit der Welt. Aber Ehr­lich­keit ist ja so­wie­so out. Es geht da­rum, den Un­sinn blen­dend gut in Wor­te zu fas­sen. In­so­fern ist die Vor­stel­lung im ETC höchst ak­tu­ell.

Es ist nach di­ver­sen fremd­spra­chi­gen Auf­füh­run­gen die er­ste eng­li­sche Ei­gen­pro­duk­ti­on des li­te­ra­risch am­bi­tio­nier­ten Pri­vat­thea­ters, das wei­ter­hin um sei­ne Exis­tenz ban­gen muss. Nach der be­geis­tert ge­fei­er­ten Pre­mie­re müss­ten sich im städ­ti­schen Haus­halt doch Mit­tel auf­trei­ben las­sen für die klei­ne in­ter­na­tio­na­le Büh­ne im Bon­ner Zen­trum.

Näch­ste Vor­stel­lung am 10.12 um 18.00 Uhr. Wei­te­re Ter­mi­ne sind ab Fe­bru­ar 2018 ge­plant. Ti­cket-In­fos un­ter www.eu­rot­hea­terc­cen­tral.de