ÜBERSICHT

13. 11. 2018

Ein Auftrag an die Zukunft

Gemeinsames Friedensfest 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs im französischen Quesnoy-sur-Deûle

Auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Quesnoy befinden sich die Gräber von 1964 deutschen Soldaten.

Von Gerda Saxler-Schmidt

Quesnoy-sur-Deule/Swisttal. Die deutsch-französische Aussöhnung – eine einzigartige Versöhnung, ein gelungener Frieden. Zwei Gesellschaften, die für den Frieden arbeiten. Ein Modell für die ganze Welt? – Ein ganz dickes Ausrufezeichen anstelle des Fragezeichens auf den Postern zum Thema haben am vergangenen Wochenende die Bürger der beiden Partnerkommunen Quesnoy-sur-Deûle und Swisttal sowie der Musikformationen Philharmonie de Quesnoy-sur-Deûle, der Ecole de musique de Quesnoy-sur-Deûle und der Tomburg Winds der Musikschule Meckenheim-Rheinbach-Swisttal gesetzt.

Am Ehrenmal mit den Namen der militärischen und zivilen Opfer der beiden Weltkriege am Ufer der Deûle und auf dem deutschen Soldatenfriedhof mit den Gräbern von 1964 Gefallenen gedachten sie der Opfer beider Nationen. Die Orchester intonierten die Nationalhymne des jeweils anderen Landes und gemeinsam die Europa-Hymne, die französische Schulkinder sogar mit ihrem deutschen Text „Freude schöner Götterfunken“ sangen. Als großes Friedensfest setzten 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges Nachkommen der damaligen „Erzfeinde“ Deutschland und Frankreich als Freunde und Partner in Europa ein emotionales Zeichen der Aussöhnung. Dabei waren sie sich der enormen Anstrengungen der Menschen beider Nationen auf dem Weg dorthin ebenso bewusst wie der Zerbrechlichkeit des Friedens und Europas.

Im Ersten Weltkrieg lag Quesnoy-sur-Deûle an der Front im belgisch-niederländisch-französischen Grenzgebiet, wo die schlimmsten Kämpfe stattfanden. Im „Grande Guerre“, dem Großen Krieg mit rund 17 Millionen und unermesslichem Leid der Menschen, wurde Quesnoy-sur-Deûle zu 95 Prozent zerstört. Einen Einblick, wie das Städtchen bis dahin ausgesehen hatte, erhielten die Gäste aus Deutschland bei historischen Führungen. So hatten die deutschen Truppen bei ihrem Rückzug im Oktober 1918 auch die wichtige Brücke über das Flüsschen Deûle – seit Jahrhunderten bedeutende Transportkanal für Nordfrankreich mit heute rund 18.000 Schiffspassagen im Jahr - zerstört. Ab 1922 wurde die Stadt nach einem umfassenden und ambitionierten Plan wiederaufgebaut. Am Abend gaben die französischen und deutschen Orchester in der Festhalle ein öffentliches großes „Konzert der Begegnung und der Freundschaft“. Rund 350 Zuhörer feierten die Aufführungen mit Ovationen. Der Funke der Begeisterung und Spielfreude der Tomburg Winds sprang bei Stücken aus „The Wizard of Oz“, der „Blues Brothers Revue“ oder der Melodien „Moment for Morricone“ auf die Zuhörer über. Und wurde gleich fortgesetzt mit dem Orchester der „Ecole de musique de Quesnoy-sur-Deûle“ und der „Philharmonie de Quesnoy-sur-Deûle“. Der emotionale Höhepunkt: die am Nachmittag in einer ersten gemeinsamen Probe eingeübten Stücke „Dance of Innocence“, „Yellow Mountains“ und natürlich die Europa-Hymne, die von den gut 350 Zuhörern stehend mitgesungen wurde.

Adi Becker, Dirigent der Tomburg Winds, erinnerte bewegt an den Ersten Weltkrieg als „eine der großen Katastrophen in der Geschichte der Menschheit“ und bezeichnete das gemeinsame Konzert als tiefes Symbol für die Aussöhnung, die Freundschaft und Brüderlichkeit. „Musik ist eine universelle Sprache und überwindet alle Grenzen“, sagte Becker. Wie wichtig den Tomburg Winds, die mit knapp 50 Musikern zwischen zwölf bis 25 Jahren und einigen Älteren gekommen waren, dieses Konzert gewesen sei zeige, dass sie eigens ihr für den gleichen Zeitraum geplantes Jahreskonzert verschoben hatten, betonte Musikschuldirektor Claus Kratzenberg. „Es ist wichtig, dass wir gerade den jungen Leuten, die noch nicht viel über die Kriege wissen, klar machen, wie wichtig es ist, in Harmonie und Frieden zu leben“, so Becker und Kratzenberg. „Dass wir das in dem aktuell wieder fragilen Europa hinbekommen, war uns allen ein Anliegen.“ Die Bürgermeisterin von Quesnoy-sur-Deûle, Rose-Marie Hallynck, erinnerte an den absurden blinden Wahnsinn des Ersten Weltkrieges, aber auch daran, dass der Waffenstillstand vor 100 Jahren noch keinen Frieden bedeutet hatte.

Das sollte sich zeigen, als nur 20 Jahre später mit dem Zweiten Weltkrieg ein neuer weltweiter Konflikt begann. Sie betonte, dass „der wertvolle zerbrechliche Frieden in Europa jede und jeden einzelnen von uns braucht“. Die beiden Weltkriege sollten allen ständige Mahnung sein, für ein gemeinsames Europa einzutreten und den europäischen Gedanken an die künftigen Generationen weiterzugeben. Das hob auch Stephan Will für den Partnerschaftsverein Swisttal in seiner Ansprache auf dem deutschen Soldatenfriedhof hervor.

Es sei die deutsch-französische Freundschaft, die für die Entwicklung in Europa entscheidend gewesen und heute nicht mehr wegzudenken sei. „Aber wir müssen gerade der jungen Generation, die zahlreich hier zugegen ist, mitgeben, dass Friede nicht selbstverständlich ist.“

Als sichtbares Zeichen unterzeichneten die beiden Bürgermeisterinnen der Partnerstädte, Rose-Marie Hallynck und Petra Kalkbrenner, und die beiden Vorsitzenden der jeweiligen Partnerschaftsvereine, Catherine Mille und Monika Wolf-Umhauer, große Poster „paix et fraternité – Frieden und Brüderlichkeit“, die in den Rathäusern aufgehängt werden.

Musik über den Gräbern – gemeinsam spielten die Tomburg Winds und die Philharmonie de Quesnoy unter anderem die Europahymne.

Gemeinsames Gedenken auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Quesnoy, wo Bürgermeisterin Rose Marie Hallynck und ihre deutsche Amtskollegin Petra Kalkbrenner gemeinsam mit Kindern beider Nationen Blumengebinde niederlegten. FOTOS: GERDA SAXLER-SCHMIDT