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08. 10. 2019

Ein Mann ohne Vergangenheit

Die Schriftstellerin Eje Winter legt „Kaspers Roman oder Die schöne Biographie“ vor

Autorin Eje Winter bei einer Lesung auf der Buchmesse in Frankfurt, bei der sie 2006 zu Gast war.FOTO: PRIVAT

Von Ebba Hagenberg-Miliu

Bad Godesberg. Dieses Buch ist eine Versuchsanordnung in poetischer Sprache, „ein Experiment“, wie Autorin Eje Winter, bürgerlich Elke Trefz-Winter, es selbst nennt. Ich-Erzählerin Katharina setzt in der Neuerscheinung „Kaspers Roman oder Die schöne Biographie“ rein sprachlich ein 28-jähriges Geschöpf namens Kasper in die Welt. Vom Buchdeckel aus schaut den Leser eine rotbemützte Kasperpuppe an, die mit nachdenklichem Blick aus Knopfaugen hinter einem altertümlichen Schaukelpferd hervorlugt. Spielende Kinder haben diesem Püppchen schon sichtbar zugesetzt.

Ich-Erzählerin Katharina hat die Spielanordnung für ihren selbst erzeugten Jungmann-Kasper dagegen als komplexes Programm angelegt: Er darf keine Vergangenheit haben. Und er soll, bitte schön, aus dem Stand „eine schöne Biografie“ zustande bringen.

Es ist also eine spannende Ausgangsposition, die sich Eje Winter für ihr neustes 100-Seiten-Buch erdacht hat. Die Schriftstellerin, Jahrgang 1941, ist studierte Germanistin und veröffentlicht seit 1975 Gedichte und Prosa. Seit 1983 ist sie Mitherausgeberin und Mitautorin der Bonner Literaturzeitschrift „Dichtungsring“, die zweimal im Jahr anspruchsvolle Themenhefte produziert. Seit vielen Jahren ist Winter auch fotografisch kreativ. Im vergangenen Jahr trat sie mit ihrem Mann Gerd Willée mit übersetzten „Poemas de Amor“, also Liebesgedichten, von Alfonsina Storni an die Öffentlichkeit (der GA berichtete).  

Nun also ein Buch mit einem selbst kreierten Kasper in deutlich lyrisch gefärbter Sprache. Das Geschöpf hat die Aufgabe, ohne Vorurteile aufs Leben zu schauen und aus einem Karton mit Postkarten ein längst verstorbenes Paar wieder zu erwecken, ja dessen Lebensweg unbedingt glücklich verlaufen zu lassen. Das Geschöpf erkundet die Welt, öffnet dem Leser die Augen, angeblich alltäglich Langweiliges völlig neu sinnlich zu erfahren.

Nicht dem entgangenen Glück nachjammern

Und es beginnt eine explosive Auseinandersetzung der Erzählerin mit diesem Kasper, der irgendwann aufbegehrt und selbst leben will, ohne eingezwängt zu sein. Winter gibt auch einen lokalen Baustein hinzu: Sie lässt einen behinderten Bonner von seiner riesengroßen Liebe zur Stadt, zu ihrem Rathaus und den üppigen Auslagen des Marktes sprechen. Die Figur wird Kaspers Blick weiten: dass man trotz verkrüppelter Füße keinem entgangenen Glück nachjammern müsse, sondern sich frei fühlen könne.

Im Handel erhältlich: Eje Winter, Kapsers Roman oder Die schöne Biographie, Kid Verlag 2019, 14,80 Euro.